Interview mit Sandra Löhning von unserem Partner Exali

Interview mit Sandra Löhning von unserem Partner Exali

Exali ist ein Spezialmakler für digitale Risiken und hat sich unter anderem auf Berufshaftpflichtversicherungen für die IT-, Medien- und Beratungsbranche spezialisiert. Sandra Löhning ist als exali-Partnermanagerin für die Zusammenarbeit mit Verbänden, Institutionen und Unternehmen zuständig. Wir haben mit ihr über die typischen Haftungsrisken für Freelancer im IT Bereich und ihre Tipps bei der Bemessung einer adäquaten Schadenshöhe gesprochen.

Was sind die häufigsten Schadensfälle von Freelancern?

Vermögensschäden machen rund 93 % aller Schadenfälle aus und führen somit unsere Schaden-Rangliste an. Beispiele für Vermögensschäden im IT-Freelance-Umfeld sind z. B. Programmierfehler, Wiederherstellung von Daten aufgrund eines Softwarefehlers, Urheberrechtsverletzungen, Leistungsverzögerungen, Umsatz und Gewinnausfälle beim Kunden durch eine Betriebsunterbrechung. Stelle dir einen Webshop vor, der aufgrund eines Programmierfehlers nicht erreichbar ist – der Gewinnausfall des Webshopbetreibers wäre dann ein Vermögensschaden.

7 % unserer Schadenfälle sind Sachschäden – darunter fallen Tätigkeitsschäden beim Kunden oder auch einfache Missgeschicke, wie der verschüttete Kaffee auf dem Firmenlaptop.

Personenschäden hingegen kommen sehr selten vor (< 1 % der Schadenfälle). Hier kann jedoch das Schadensausmaß und somit die Höhe des Schadens sehr hoch sein, besonders wenn Menschen schwer verletzt oder sogar getötet werden.

Übrigens sind die häufigsten Schadensauslöser mit 43% die Nicht-/Schlechterfüllung/ Schlechtleistung (Programmierfehler zum Beispiel), gefolgt von den Rechtsverletzungen mit 31% - das kann ein DSGVO-Verstoß sein oder auch ein schlichter Fehler im Impressum auf der eigenen Website.

Wie hoch ist die durchschnittliche Schadenshöhe im IT-Bereich und wodurch wird sie beeinflusst?

Abgesehen von Abmahnungen wegen Rechtsverletzungen, die sich zwischen einigen Hundert bis zu mehreren Tausend Euro bewegen können, liegen wir bei den übrigen Schäden im IT-Umfeld bei einer durchschnittlichen (geforderten) Schadenshöhe von rund 25 000 Euro. Jeder 20. Schaden liegt im sechsstelligen Euro-Bereich.

Wichtige Einflußfaktoren auf die Schadenshöhe sind der Tätigkeitsbereich, die Kundenklientel und das Projektausmaß.Um das zu verdeutlichen: Ein IT-Freelancer, der als Projektverantwortlicher bei einem Automobilhersteller eine ERP-Software implementiert, kann einen viel größeren Schaden verursachen, als ein Webdesigner, der eine Unternehmenswebsite für die kleine Bäckerei nebenan erstellt. Dasselbe berufliche Versehen, wie zum Beispiel ein Programmierfehler, kann ein völlig anderes Schadensausmaß zur Folge haben – weil das Schadenpotenzial in den genannten Fällen unterschiedlich ist.

Wie können IT Freelancer am besten den Umfang ihrer Haftung ermitteln? (Versicherungspolicen variieren von 50.000 Euro bis zu mehreren Millionen Euro)- Hast Du hier einen Tipp, um eine bessere Schätzung zu ermöglichen?

Das ist eine Frage, die uns viele auch in der Beratung stellen! Es gibt mehrere Anhaltspunkte, die bei der Ermittlung der passenden Versicherungssumme helfen können:

Die Höhe des eigenen Umsatzes kann eine gute Orientierung sein. Ein IT-Freelancer ohne Mitarbeiter benötigt in der Regel eine geringere Versicherungssumme als eine GmbH mit zehn Angestellten, die deutlich mehr Projekte abwickelt. Der Versicherer Markel hat ermittelt, dass 44% der Unternehmen mit einem Umsatz von unter 100 000 € eine Versicherungssumme von 250 000 € wählen. Ab einem Nettoumsatz von 150 000 € entscheiden sich Unternehmen häufiger für eine höhere Versicherungssumme ab 500 000 €.


Ein weiterer Ansatzpunkt um die passende Versicherungssumme zu ermitteln, ist die Überlegung, welches Schadenspotenzial die Tätigkeiten mitbringen, die man ausübt. Folgende Fragen kann man sich hier stellen: Wie hoch ist ein mögliches Schadensausmaß? Für welche Kunden arbeite ich? Sind es Konzerne oder eher KMU? Betrifft das Projekt, in dem ich beteiligt bin, nur einen kleinen Teil eines Unternehmens oder mehrere, vielleicht sogar alle Abteilungen?

In manchen Projektausschreibungen ist auch eine Versicherungssumme vorgegeben, diese liegt für IT-Freelancer erfahrungsgemäß meist zwischen 250.000 und 1 Mio. Euro pro Vermögensschadenfall. Wichtig ist, dass man für sich und das eigene Unternehmen eine Versicherungssumme wählt, die realistisch potenzielle Schäden umfasst und deren Versicherungsprämie aber gleichzeitig auch bezahlbar – also dem eigenen Nettoumsatz angemessen - ist.

Was sind häufige Schadensfälle, die vielen nicht bekannt sind?

Wenn in der IT von einem Schadenfall gesprochen wird, geht es meist um Sicherheitslücken oder falsche Programmierungen. Aber natürlich haftet man auch für den verlorenen Schlüssel des Auftraggebers, eine ungeschickt formulierte Stellenanzeige oder den Schaden, den man mit einer abgestürzten Drohne verursacht. Einige Schadenfälle aus dem echten Leben habe ich euch hier mitgebracht:

https://www.exali.de/Info-Base/schadenfall-zahlendreher

https://www.exali.de/Info-Base/schadenfall-schluessel

https://www.exali.de/Info-Base/video-stellenanzeige-schadensersatz

Wie wird eine Einigung bei einem tatsächlichen Schadensfall erzielt? Sind Gerichtsverfahren obligatorisch oder ist auch eine außergerichtliche Einigung möglich?

Im Schadensfall übernehmen die Schadensjuristen des Versicherers zunächst einmal die Bearbeitung, um sich einen Überblick über den Schaden zu verschaffen und eine erste Einschätzung abzugeben. Oft ist es sinnvoll, dem Versicherungsnehmer einen externen Fachanwalt zur Verfügung zu stellen – das können die Schadensjuristen dann veranlassen.

In den meisten Fällen kann man sich mit dem Anspruchsteller außergerichtlich einigen. Gerichtsverfahren sind teuer und bis zu einem Ergebnis bzw. Urteil kann viel Zeit vergehen – das möchten beide Seiten eher vermeiden.

Wann muss ich mit einer Kündigung der Versicherung im Schadensfall rechnen?

Also während eines Schadenfalls kann der Versicherer – zum Glück! – schon einmal gar nicht kündigen, sondern er muss im Versicherungsfall auch leisten.

Und Kündigungen aufgrund eines Schadenfalls sind sehr selten und eher Extremfälle, wenn z. Bsp. wiederholt Schäden auftreten, die ähnliche oder gleiche Ursachen haben und der Versicherungsnehmer keine Veränderungen vornimmt, um solche Schäden künftig zu vermeiden, dann kann das vorkommen. Das ist aber tatsächlich unüblich. Was eher einmal vorkommen kann ist, dass die Prämie erhöht wird.

Was sollten IT Freelancer deiner Meinung nach bei der Gestaltung von Verträgen im Hinblick auf Haftungsrisiken beachten?

Das ist eine Frage, die im Detail nur ein Rechtsanwalt beantworten sollte, da wir keine Beratung zu Vertragsrecht durchführen können und dürfen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass es elementar für jeden Freelancer ist, genau zu wissen, welche Vertragsart seiner Arbeit zugrunde liegt – ist es ein Dienst- oder ein Werkvertrag – also schuldet man Anwesenheit oder Erfolg? Je nach Vertragsart hat man auch ganz unterschiedliche Haftungsrisiken und die sollte man gut kennen! Und jeder Freelancer sollte sich immer im Klaren darüber sein, welche Leistungspflichten Vertragsbestandteil sind. Wenn es mit einem Auftraggeber Konflikte gibt, geht es ja schließlich auch oft um Nicht- oder Schlechtleistung und da sollte ich als Freelancer schon wissen, was ich denn eigentlich genau in welcher Qualität leisten muss.

Alles was ich gerade aufgezählt habe, sind Punkte, bei denen wir immer wieder in der Beratung oder im Schadenfall merken, dass sich der Freelancer gar nicht so detailliert damit auseinandergesetzt hat.


Wenn ihr noch mehr über Exali erfahren und weitere spannende Tipps rund um das Thema Haftpflichtversicherung für IT Freelancer erhalten möchtet, könnt ihr euch gerne jederzeit unser gemeinsames Webinar mit Ralph Günther, dem Gründer von Exali bei Crowdcast anschauen.